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wiki:fremdem_begegnen

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wiki:fremdem_begegnen [2025/05/14 08:17] – ↷ Seitename wurde von wiki:staunen_fremdheit_neues_neugier auf wiki:fremdem_begegnen geändert Norbert Lüdtkewiki:fremdem_begegnen [2026/04/15 16:31] (aktuell) – ↷ Links angepasst, weil Seiten im Wiki verschoben wurden Norbert Lüdtke
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 Das Hier und Jetzt – der Augenblick, der verweilen soll – kämpft mit dem Dort und Demnächst – dem zerstreuenden Unverweilen – das die Neugier auszeichnet. Im »sich ausrichtenden Entdecken von Gegend« erschließt sich das Dasein den Raum ((''Martin Heidegger'': //Sein und Zeit//, unter anderem Seite 368f)). Wo gehöre ich hin? Die so erschlossene Welt weitet auch den inneren Horizont, den Spielraum eigener Möglichkeiten. Das ist nicht einfach, wie das Beispiel Faust zeigt: Wer die Welt entdecken will, muß auch sein Selbst entdecken. Dieser Themenkreis bleibt einer Fortsetzung dieser Serie vorbehalten.\\  Das Hier und Jetzt – der Augenblick, der verweilen soll – kämpft mit dem Dort und Demnächst – dem zerstreuenden Unverweilen – das die Neugier auszeichnet. Im »sich ausrichtenden Entdecken von Gegend« erschließt sich das Dasein den Raum ((''Martin Heidegger'': //Sein und Zeit//, unter anderem Seite 368f)). Wo gehöre ich hin? Die so erschlossene Welt weitet auch den inneren Horizont, den Spielraum eigener Möglichkeiten. Das ist nicht einfach, wie das Beispiel Faust zeigt: Wer die Welt entdecken will, muß auch sein Selbst entdecken. Dieser Themenkreis bleibt einer Fortsetzung dieser Serie vorbehalten.\\ 
 Ein [[wiki:reisen|Reisen]] als Getrieben-Sein gehört zwar zur Schattenseite des Globetrottens, jedoch steht ihm ein Unterwegs-Sein auf der Lichtseite gegenüber. Zwar sind [[wiki:globetrotter|Globetrotter]] immer unterwegs, doch können sie durchaus zur Ruhe kommen. [[wiki:flucht|Flucht]] treibt, [[wiki:neugier|Neugier]] zieht in die Ferne. Neugier ist also durchaus sinnvoll, bedarf jedoch einer Ergänzung.\\  Ein [[wiki:reisen|Reisen]] als Getrieben-Sein gehört zwar zur Schattenseite des Globetrottens, jedoch steht ihm ein Unterwegs-Sein auf der Lichtseite gegenüber. Zwar sind [[wiki:globetrotter|Globetrotter]] immer unterwegs, doch können sie durchaus zur Ruhe kommen. [[wiki:flucht|Flucht]] treibt, [[wiki:neugier|Neugier]] zieht in die Ferne. Neugier ist also durchaus sinnvoll, bedarf jedoch einer Ergänzung.\\ 
-Wer fähig ist zu staunen, die [[wiki:zeit_musse|Muße]] besitzt zu verharren, gewillt ist das Besondere zu erkennen, das Schöne in der Welt zu genießen … wird hier und dort verweilen. Manche erkunden das Warum, andere interessiert das handwerkliche Wie, jene malen oder fotografieren, diese schreiben, lassen ihrer Phantasie freien Lauf oder beschäftigen ihren Intellekt, sammeln Sand, Insekten oder Spucktüten … Doch am Anfang steht das Staunen. Sobald wir uns mit dem Bestaunten beschäftigen, verändern wir zumindest unsere Welt, also auch uns selbst. Das Neue führt zu Erfahrungen, Erkenntnissen und Eindrücken, die im besten Fall unser Selbst bereichern, doch wird uns jede richtige Reise verändern. ((''Lorraine Daston'': //Die Lust an der Neugier in der frühneuzeitlichen Wissenschaft//. In: ''Klaus Krüger'' (Hrsg.): //Curiositas. Welterfahrung und ästhetische Neugierde in [[wiki:reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] und früher Neuzeit//. (=Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft 15) Göttingen Wallstein 2002))+Wer fähig ist zu staunen, die [[wiki:zeit_musse|Muße]] besitzt zu verharren, gewillt ist das Besondere zu erkennen, das Schöne in der Welt zu genießen … wird hier und dort verweilen. Manche erkunden das Warum, andere interessiert das handwerkliche Wie, jene malen oder fotografieren, diese schreiben, lassen ihrer Phantasie freien Lauf oder beschäftigen ihren Intellekt, sammeln Sand, Insekten oder Spucktüten … Doch am Anfang steht das Staunen. Sobald wir uns mit dem Bestaunten beschäftigen, verändern wir zumindest unsere Welt, also auch uns selbst. Das Neue führt zu Erfahrungen, Erkenntnissen und Eindrücken, die im besten Fall unser Selbst bereichern, doch wird uns jede richtige Reise verändern. ((''Lorraine Daston'': //Die Lust an der Neugier in der frühneuzeitlichen Wissenschaft//. In: ''Klaus Krüger'' (Hrsg.): //Curiositas. Welterfahrung und ästhetische Neugierde in [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] und früher Neuzeit//. (=Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft 15) Göttingen Wallstein 2002))
  
 ==== Der Genuss erfüllter Gegenwart ==== ==== Der Genuss erfüllter Gegenwart ====
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 ==== Das persönlich Fremde ==== ==== Das persönlich Fremde ====
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 +  Fremd bin ich eingezogen,
 +  Fremd zieh ich wieder aus ...
 +  Wilhelm Müller, 1794-1824: Gute Nacht (Winterreise)
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 Man geht freilich nicht in die Fremde, um sich der Heimat zu entfremden, aber einen vernünftigen Sinn hat das Reisen doch nur insofern, als es von der [[wiki:sehnsucht|Sehnsucht]] eingegeben ist, zu dem heimisch Schönen sich etwas fremd schönes einzuverleiben, innerlich reicher zu werden aus den Schätzen der Fremde, indem man an ihnen teilnimmt. ((''Otto Julius Bierbaum'' (= Martin Möbius) 1865-1910 //Die Yankeedoodle-[[wiki:fahrt|Fahrt]] //. 1909 München))\\  Man geht freilich nicht in die Fremde, um sich der Heimat zu entfremden, aber einen vernünftigen Sinn hat das Reisen doch nur insofern, als es von der [[wiki:sehnsucht|Sehnsucht]] eingegeben ist, zu dem heimisch Schönen sich etwas fremd schönes einzuverleiben, innerlich reicher zu werden aus den Schätzen der Fremde, indem man an ihnen teilnimmt. ((''Otto Julius Bierbaum'' (= Martin Möbius) 1865-1910 //Die Yankeedoodle-[[wiki:fahrt|Fahrt]] //. 1909 München))\\ 
 Manche meinen, das Fremde stünde im Gegensatz zum Eigenen. Dann müßte alles, was anders ist als man selbst, fremd sein. Ein Gedanke, der Globetrottern fremd erscheinen muß. Schließlich neigen Reisende dazu, alles aufzusuchen, was ihnen fremd erscheint und allein dadurch in immer größeren Bahnen ihre Welt zu erweitern. Manche meinen, das Fremde stünde im Gegensatz zum Eigenen. Dann müßte alles, was anders ist als man selbst, fremd sein. Ein Gedanke, der Globetrottern fremd erscheinen muß. Schließlich neigen Reisende dazu, alles aufzusuchen, was ihnen fremd erscheint und allein dadurch in immer größeren Bahnen ihre Welt zu erweitern.
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 Was man nicht versteht, kommt von weit her, etwa aus der Walachei ((Walachen bezeichnet romanischsprachige Volksgruppen in Südosteuropa. Die Bezeichnung kommt wohl aus dem Germanischen, das entsprechende Wurzelwort "welsch/walch" ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem keltischen Volksnamen abgeleitet (Wikipedia) und findet sich auch in Wales und Wallis)). Dort spricht man natürlich //Kauderwelsch//. Solche Leute »brabbeln« eine Art »Blah-Blah« und man versteht nur »Rhabarber, Rhabarber«.\\  Was man nicht versteht, kommt von weit her, etwa aus der Walachei ((Walachen bezeichnet romanischsprachige Volksgruppen in Südosteuropa. Die Bezeichnung kommt wohl aus dem Germanischen, das entsprechende Wurzelwort "welsch/walch" ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem keltischen Volksnamen abgeleitet (Wikipedia) und findet sich auch in Wales und Wallis)). Dort spricht man natürlich //Kauderwelsch//. Solche Leute »brabbeln« eine Art »Blah-Blah« und man versteht nur »Rhabarber, Rhabarber«.\\ 
 Ein //Barbar// war im antiken Griechenland jemand, der kaum Griechisch sprach. Das Wort fand Eingang in fast alle europäischen Sprachen. Dabei ist es so alt, daß es sich auch im Sanskrit findet (barbarāh), im Persischen, Armenischen, Arabischen (Berber) … Auf drei Kontinenten bezeichnen sich also Völker mit dem gleichen Wort gegenseitig als sprachunkundig und wählen dafür paradoxerweise ein Wort, das von allen verstanden wird. Die dahinter erkennbare Haltung scheint [[wiki:universalismus|universal]] gültig zu sein, denn weltweit bezeichnen sich viele Ethnien in ihrer Eigenbezeichnung schlicht als »Menschen« ((Inuit, Khoi Khoin (Menschen der Menschen), Roma, Na-Uni (= Komantschen. erste Menschen), Ainu (Japan), Kanaken (Hawaii), Nenzen (Ural), Zulu, Bantu, Kikuyu (Kenia), Malaien (Orang Melayu = umherschweifende Menschen), Yamana und Shelk’enan (= Jaghan und Ona auf Feuerland: vernunftbegabte Wesen), Orawelat (= Tschuktschen), Numang-Kake (= Mandan-Indianer), Odulpa (= Jukagieren in Nordost-Sibirien), Andamanen (= Oenge), Alemannen, Hunnen, Magyaren)).\\  Ein //Barbar// war im antiken Griechenland jemand, der kaum Griechisch sprach. Das Wort fand Eingang in fast alle europäischen Sprachen. Dabei ist es so alt, daß es sich auch im Sanskrit findet (barbarāh), im Persischen, Armenischen, Arabischen (Berber) … Auf drei Kontinenten bezeichnen sich also Völker mit dem gleichen Wort gegenseitig als sprachunkundig und wählen dafür paradoxerweise ein Wort, das von allen verstanden wird. Die dahinter erkennbare Haltung scheint [[wiki:universalismus|universal]] gültig zu sein, denn weltweit bezeichnen sich viele Ethnien in ihrer Eigenbezeichnung schlicht als »Menschen« ((Inuit, Khoi Khoin (Menschen der Menschen), Roma, Na-Uni (= Komantschen. erste Menschen), Ainu (Japan), Kanaken (Hawaii), Nenzen (Ural), Zulu, Bantu, Kikuyu (Kenia), Malaien (Orang Melayu = umherschweifende Menschen), Yamana und Shelk’enan (= Jaghan und Ona auf Feuerland: vernunftbegabte Wesen), Orawelat (= Tschuktschen), Numang-Kake (= Mandan-Indianer), Odulpa (= Jukagieren in Nordost-Sibirien), Andamanen (= Oenge), Alemannen, Hunnen, Magyaren)).\\ 
-Die Anderen ((Die Deutschen im Tschechischen, Polnischen, Russischen: nemec, niemka, njemka. Die Slawen (gotisch slavan = schweigen) nennen sich selbst slovene = die Sprechenden.)) sind eben Stotterer, Stammler, Stumme. Und weil man ihnen nichts erklären kann, verstehen sie auch nichts und benehmen sich barbarisch. In Staaten mit theokratischer Staatsauffassung wie etwa Indien oder Japan war den Einheimischen der Umgang mit [[wiki:auslaender|Ausländern]] verboten, ihre Berührung galt als unrein. Der konfliktreiche Umgang mit dem Fremden ist über [[wiki:reisegenerationen|Jahrtausende]] weltweit belegt ((''Meinhard Schuster'': //Die Begegnung mit dem Fremden// (=Colloquium Rauricum 4) Teubner Stuttgart 1996. Darin Beiträge über Fremdheit im alten Ägypten, im babylonischen Staat, im Islam, in Westafrika, im hinduistischen Indien, in China …)). +Die Anderen ((Die Deutschen im Tschechischen, Polnischen, Russischen: nemec, niemka, njemka. Die Slawen (gotisch slavan = schweigen) nennen sich selbst slovene = die Sprechenden.)) sind eben Stotterer, Stammler, Stumme. Und weil man ihnen nichts erklären kann, verstehen sie auch nichts und benehmen sich barbarisch. In Staaten mit theokratischer Staatsauffassung wie etwa Indien oder Japan war den Einheimischen der Umgang mit [[wiki:auslaender|Ausländern]] verboten, ihre Berührung galt als unrein. Der konfliktreiche Umgang mit dem Fremden ist über [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen|Jahrtausende]] weltweit belegt ((''Meinhard Schuster'': //Die Begegnung mit dem Fremden// (=Colloquium Rauricum 4) Teubner Stuttgart 1996. Darin Beiträge über Fremdheit im alten Ägypten, im babylonischen Staat, im Islam, in Westafrika, im hinduistischen Indien, in China …)). 
  
 ==== Der Fremde als Feind ==== ==== Der Fremde als Feind ====
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 ==== Der Fremde als Gast ==== ==== Der Fremde als Gast ====
  
-  MedeaTöten willst du, den Fremden, den Gast? +→ Hauptartikel [[wiki:gast#Der Fremde als Gast|Gast]] und [[wiki:herberge|Herberge]]\\  
-  Aietes: Gast? +→ [[wiki:ausstellungsliste_gast|Ausstellungsliste Gast]]\\  
-  Hab' ich ihn geladen in mein Haus? +→ [[wiki:literaturliste_gast|Literaturliste Gast]]\\  
-  Ihm beim Eintritt Brot und Salz gereicht +→ [[wiki:liste_ausstellungen#Gast|Wortfeld]] Gast\\ 
-  Und geheißen sitzen auf meinem Stuhl? +
-  Ich hab' ihm nicht Gastrecht geboten, +
-  Er nahm sich's, büß' er's der Tor! +
-((''Franz Grillparzer''Teil der Trilogie //Das goldene Vlies// (1821): Der Gastfreund, Die Argonauten, Medea))\\+
  
-Der Fremde, der mit einem Geschenk in eine Gemeinschaft eintritt, wird bei vielen Völkern mißtrauisch betrachtet, denn weit verbreitet ist die Haltung, daß ein Geschenk durch ein Gegengeschenk beantwortet werden muß  ((''J. Makarewicz:'' //Einführung in die Philosophie des Strafrechts// a.a.O. Seite 284)). Das passende Gegengeschenk für einen Fremden wäre dann die Gastfreundschaft. Doch will man den Fremden als Gast aufnehmen? Das hebräische Wort für Gast setzt sich zusammen aus gèr, Fremder, und tosàb, Einheimischer, und zeigt an, daß dem Gast eine Stellung zwischen beiden zukommt. Das lateinische Wort hostis, der Feind, und das deutsche Wort Gast entstanden aus derelben Sprachwurzel. Als Gast bezeichnete man noch bis zum Ende des Mittelalters den reisenden Krieger; im Englischen bezeichnet host noch heute den Hausherrn ebenso wie die Heerschar oder die Hostie ((germ. *gasti-, *gastiz; idg. *ghostis »dasz hostis, gast urspr. der fremde ist, der nach der sitte, die noch in sagen nachklingt, als feind den göttern geopfert, zugleich aber, wie jedes blutige opfer, von den opfernden als frommes mahl verzehrt wurde als hostia humana, und der anklang von hostis und hostia kann diese annahme wol stützen« [Grimms Wörterbuch])).\\  
-Der Grundsatz, den Fremden als Feind zu betrachten und zu behandeln, wurde geschichtlich erst im Nachhinein durch das Gastrecht gemildert. Das Gastrecht erwächst aus der persönlichen Begegnung und gilt begrenzt für Zelt, Haus, Wohnplatz. Der Gastgeber kann Gastrecht ((Z.B.: ''Rudorff, H''., //Zur Rechtsstellung der Gäste im mittelalterlichen städtischen Prozess//, 1907;\\  ''Schultze, A.,'' //Über Gästerecht und Gastgerichte//, HZ Historische Zeitschrift 101 (1908), 473;\\  ''Hellmuth, L.,'' //Gastfreundschaft und Gastrecht bei den Germanen//, 1984;\\ ''Stein-Hölkeskamp, E.,'' //Das römische Gastmahl//, 2005)) befristet gewähren, doch ist der Fremde kein Gastnehmer, der Anspruch auf Gastrecht hat. Es wird schließlich symbolisch bekräftigt: mit Brot und Salz, einem Geschenk, mit Handschlag und einer Aufforderung, etwa »über die Schwelle« zu treten. 
-Gast kann nur sein, wer zu gehen beabsichtigt. Viele [[wiki:sprichwoerter|Sprichwörter]] formulieren überlieferte und bewährte Verhaltensnormen: //Bewirte deine Gäste, aber behalte sie nicht!// (chines.); //Auch des liebsten Gastes ist man in drei Tagen satt.// (jugosl.); //Der Gast und der Fisch sind nach drei Tagen anrüchig.// (span.). Dahinter »stehen Hypothesen über zufriedenstellendes Zusammenleben einer Gemeinschaft, die sich als »Angewandte Lebenserfahrung« interpretieren lassen … bedeutsam [ist], daß der Sachverhalt vom Volksmund akzeptiert und für wichtig genug gehalten wurde, tradiert zu werden« ((''Siegfried Müller'': //Können Sprichwörter bei der Entwicklung psychologischer Theorien helfen?// In: Zeitschrift für angewandte Sozialpsychologie. 29 (1998) Heft 1. [http://psychologie.fernuni-hagen.de/Psychologie/SOZPSYCH/GD/Artikel/Mueller.html])). Keinesfalls und nirgends ist das Gastrecht von Dauer. Der Gast fällt, sobald die Gastfreundschaft beendet ist, in den Zustand des ungeschützten Fremden, des Eindringlings oder gar des Feindes zurück. 
-  * ''Gerd Althoff'', ''Barbara Stollberg–Rilinger''\\ //Die Sprache der Gaben. Zur Logik und Semantik des Gabentausches im vormodernen Europa//.\\ Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 63.1 (2015) 1–22. 
  
 ==== Der Fremde als Eindringling ==== ==== Der Fremde als Eindringling ====
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 Das kann Banales sein oder Besonderes: Wie man sich ohne Autan vor Mücken schützt, ein umwerfendes Pilaw-Rezept, die Kenntnis einer fremden Sprache, eine hier unbekannte Olivensorte, Musik für andere Ohren … Das eine oder andere Neue mag dauerhaft in sein Leben integriert werden, gar Nachahmer finden. Die Wasserpfeife ist eine zeitlang unterhaltsam, das Essen mit Stäbchen beeindruckt – aber die Eßgewohnheiten Chinas werden damit nicht übernommen. Dennoch ist die Liste der Dinge lang, die im Laufe der Zeit Teil unserer Kultur wurden, obwohl sie zunächst fremd erschienen: das Alphabet und die Alchemie, die Gabel und das Feuerwerk, Papierherstellung, sogar die Null, die Kartoffel und noch weit mehr. Doch geschenkt gab es nichts, denn manches Neue war nicht willkommen und wurde dennoch ausgetauscht: die Indianer bekamen die Pocken, die Europäer die Syphilis.\\  Das kann Banales sein oder Besonderes: Wie man sich ohne Autan vor Mücken schützt, ein umwerfendes Pilaw-Rezept, die Kenntnis einer fremden Sprache, eine hier unbekannte Olivensorte, Musik für andere Ohren … Das eine oder andere Neue mag dauerhaft in sein Leben integriert werden, gar Nachahmer finden. Die Wasserpfeife ist eine zeitlang unterhaltsam, das Essen mit Stäbchen beeindruckt – aber die Eßgewohnheiten Chinas werden damit nicht übernommen. Dennoch ist die Liste der Dinge lang, die im Laufe der Zeit Teil unserer Kultur wurden, obwohl sie zunächst fremd erschienen: das Alphabet und die Alchemie, die Gabel und das Feuerwerk, Papierherstellung, sogar die Null, die Kartoffel und noch weit mehr. Doch geschenkt gab es nichts, denn manches Neue war nicht willkommen und wurde dennoch ausgetauscht: die Indianer bekamen die Pocken, die Europäer die Syphilis.\\ 
  
-Der Austausch des Neuen und die Bewährung in der Fremde sind Werte, die bereits im [[wiki:reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] systematisch gefördert wurden. Über viele [[wiki:reisegenerationen|Jahrhunderte]] hinweg schickten die Handwerkszünfte ihren Nachwuchs nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit (Freisprechung) in die Ferne. Drei Jahre und einen Tag hatte der Geselle seiner Heimat fernzubleiben und war dann ein Fremdgeschriebener. Ohne Wanderjahre konnte er niemals Meister werden, die Erfahrung der Welt war Voraussetzung für sozialen Erfolg. Doch Meisterschaft erringen immer nur wenige. Weitaus die meisten scheuen den Aufbruch und von denen, die gehen, kehren manche nie zurück.\\ +Der Austausch des Neuen und die Bewährung in der Fremde sind Werte, die bereits im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] systematisch gefördert wurden. Über viele [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen|Jahrhunderte]] hinweg schickten die Handwerkszünfte ihren Nachwuchs nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit (Freisprechung) in die Ferne. Drei Jahre und einen Tag hatte der Geselle seiner Heimat fernzubleiben und war dann ein Fremdgeschriebener. Ohne Wanderjahre konnte er niemals Meister werden, die Erfahrung der Welt war Voraussetzung für sozialen Erfolg. Doch Meisterschaft erringen immer nur wenige. Weitaus die meisten scheuen den Aufbruch und von denen, die gehen, kehren manche nie zurück.\\ 
 Die Persönlichkeit kann in der Fremde wachsen, doch erschwert ein zu hohes Maß an Eigenheiten eine Integration in der Heimat. Dann kann die Andersartigkeit zur Entwurzelung führen. Das Reisen zeigt seine Schattenseite, wenn nirgends Heimat ist. Die Identität des Reisenden löst sich auf, der Reisende selbst wird überall zum Anderen, er erscheint allen fremd und wird zum entwurzelten Fremden. Die Persönlichkeit kann in der Fremde wachsen, doch erschwert ein zu hohes Maß an Eigenheiten eine Integration in der Heimat. Dann kann die Andersartigkeit zur Entwurzelung führen. Das Reisen zeigt seine Schattenseite, wenn nirgends Heimat ist. Die Identität des Reisenden löst sich auf, der Reisende selbst wird überall zum Anderen, er erscheint allen fremd und wird zum entwurzelten Fremden.
  
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 → [[wiki:literaturliste_ausstellung_von_kulturen|Literaturliste Ausstellung von Kulturen]]\\  → [[wiki:literaturliste_ausstellung_von_kulturen|Literaturliste Ausstellung von Kulturen]]\\ 
 → [[wiki:Literaturliste Fremdem begegnen|Literaturliste Fremdem begegnen]]\\  → [[wiki:Literaturliste Fremdem begegnen|Literaturliste Fremdem begegnen]]\\ 
-→ [[wiki:liste_bibliographien Fremdem begegnen|Bibliographien]]: Fremdem begegnen\\ +→ [[wiki:literaturliste_bibliographien#Fremdem begegnen|Bibliographien]]: Fremdem begegnen\\ 
 → [[wiki:Ausstellungsliste Fremdem begegnen|Ausstellungsliste Fremdem begegnen]]\\  → [[wiki:Ausstellungsliste Fremdem begegnen|Ausstellungsliste Fremdem begegnen]]\\ 
 → [[wiki:liste_ausstellungen#Fremdem begegnen|Wortfeld]] → [[wiki:liste_ausstellungen#Fremdem begegnen|Wortfeld]]
  
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wiki/fremdem_begegnen.1747210669.txt.gz · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke

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